Kriegsmüde

Aus dem Irak gab es lange keine neuen Nachrichten, genauso wenig frische Infos gibt es auch aus Libyen. Beide Staaten scheinen im Chaos zu versinken. Was ist mit Syrien? Der Bürgerkrieg geht schon lange Zeit, immer seltener gibt es Neuigkeiten, wenn ein Angriff der Rebellen erfolgreich oder nicht erfolgreich war, wenn die Staatsmacht einen Angriff geflogen hat oder auf eine andere Art und Weise Menschen zu Tode gekommen sind.

In den Nachrichten oder der sonstigen Berichterstattung liefern die Medien immerzu die selben Bilder. Schnellstmöglich müssen Bilder, Ton und Texte in die Welt. Am besten live, sofort und immer online. Egal ob der Konflikt vor einiger Zeit stattfand wie im Irak, in Libyen oder es noch am heutigen Tage bewaffnete Auseinandersetzungen gibt wie in Syrien die Bilder, die uns so unmittelbar erreichen ähneln sich:

  • Ein Mann rennt mit einem blutenden Kind über einen staubigen Platz,
  • Eine alte Frau kniet auf dem Boden, weint in Richtung Himmel in den Händen ein Foto,
  • Einschusslöcher in einer Wand,
  • Männer mit Kalaschnikovs und Tee stehen an einem Checkpoint,
  • Schulkinder gehen an einer Straßenecke in Deckung,
  • Soldaten fahren in einem gepanzerten Fahrzeug durch ein Dorf, die Kinder winken, alte Männer schauen kritisch,
  • Tote Menschen, bedeckt mit einem blutigem, fleckigen Tuch,
  • und so weiter und so fort.

Die Quellen dieser Fotos oder Videos sind immer gleich: Youtube, Twitter, Facebook oder einfach nur “Internet”. Ich erinnere mich an den ersten Irak-Krieg noch wage und weiß, dass damals aufgrund der Auseinandersetzung der Fastnachts-Umzug ausgefallen ist. In den letzten Jahren gab es auf der ganzen Welt mindestens einen Konflikt zu dieser vermeintlich tollen Zeit und kein Umzug wurde abgesagt. Warum? Weil wir abgestumpft sind. Wir sind nicht betroffen, findet doch Alles viele Tausend Kilometer entfernt statt. Wir nehmen Krieg, Leid und Zerstörung war, weil uns ständig drastische Bilder umgeben und dramatische Texte den Weg in unsere Ohren und Augen finden. Bilder voll Blut, Tod und unendlicher Schmerzen. Geschichten von Zerstörung. Ein inflationärer Missbrauch schockierender Aufnahmen für ein Publikum das kaum noch etwas schocken kann.

Würde mir bei jedem Bild oder Videoschnipsel dieser Art das Leid der Abgebildeten bewusst werden, es wäre nicht mehr auszuhalten. Ich könnte Kotzen und Weinen zugleich. All dieses Leid, das uns berühren müsste aber so weit weg ist. Wir sind abgestumpft, müde, satt und daran wird auch sich auch nichts ändern. Wir sollten uns jede Sekunde darüber bewusst sein, dass wir glücklich sein müssen in einem friedlichen Land zu Leben. Wir stehen jeden Morgen auf und hören die Vögel zwitschern, fahren auf die Arbeit, bringen die Kinder in den Kindergarten oder in die Schule. Wir grüßen die Nachbarn. Wir schlendern Mittags in die Kantine oder an den Imbiss, stehen am Herd und Kochen für die Familie. All das geschieht, während in anderen Ländern Gliedmaßen abgetrennt werden, Kugeln Körper zerfetzen oder sich die Splitter einer Bombe in einen Oberschenkel bohren. Eltern wollen ihre Kinder von der Schule abholen, aber die liegt in Schutt und Asche. Wieder andere Eltern würden ihre Kinder gerne auf die Schule schicken, es gibt aber keine. Stattdessen kämpfen sie Tag für Tag um das Überleben, hoffen die Nacht ohne Luftangriff zu überleben oder verbinden die eitrigen Wunden von Angehörigen.

Ich habe genug und dennoch sind mir die Hände gebunden! Ich kann nicht vor dem Fernseher sitzen, Schnittchen in mich reinstopfen und in den Nachrichten Tod und Zerstörung sehen. Die Menschen regen sich über Laub auf dem Rasen oder Falschparker auf. Ich würde sie gerne an den Schultern packen und anschreien: Seid glücklich, dass ihr lebt, dass ihr euren Lieben einen Kuss geben könnt und dass niemand in unserem Umkreis den Tod durch eine Armee fürchten muss. Scheißt auf den Kratzer im Auto, auf das Paket das zu spät kommt und auf die kaputte Kaffeemaschine. Seid froh, dass euer Kopf nicht von Trümmern zerquetscht wird oder ihr ohne Beine im einem miesen Krankenhaus aufwacht. Das gute Leben macht uns übersatt und blind. Macht die Augen auf, was in der Welt geschieht, seid glücklich und zeigt das. Liebt das Leben, regt euch nicht über Kleinigkeiten auf. Sie bedeuten Nichts, garnichts! Wir sollten jeden Tag dankbar sein für das Leben, das wir haben! Jeden verdammten Tag! Seid glücklich! Seid dankbar!

Liebe junked-Leser: Die Bilder zu diesem Beitrag habe ich selbst gemacht. Seit einem halben Jahr fotografiere ich nebenberuflich große und kleine Menschen sowie allerlei Schnick-Schnack. Dazu habe ich eine eigene Webseite inklusive Blog, dort gibt es ein making-of zu den Bildern. Natürlich gibt es mich als Fotografen auch auf Facebook. Die Fotografie raubt sehr viel Zeit, gibt mir aber auch viel zurück. Aber der Tag hat nur 24 Stunden. Ich fürchte, das war fürs Erste mein letzter Beitrag für junked, ich muss einfach mit meiner Zeit haushalten. Danke an meine Mitblogger und natürlich euch Leser. Ich habe hier gerne geschrieben und meine Meinung herausposaunt. Danke, Danke, Danke!

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