Geschmäcker und Vorlieben sind natürlich immer relativ, es heisst auch so schön Fortschritt kann man nicht aufhalten und meiner einer weiß natürlich ebenfalls die Vorzüge einer digitalen Audiodatei zu schätzen, oder die Tatsache das man eben einen gesamten Schrank an Platten auf einem kleinen MP3-Player in der Hosentasche überall mitnehmen und hören kann. Unabhängig davon schätze ich dennoch sehr den anderen Klang des vinylen Datenträgers und seinem Charme den dieser austrahlt, wenn man ihn aus der Hülle zieht, auf den Plattenteller legt und dieser gegebenfalls erstmal knackt oder knistert bevor die Musik erklingt.
Natürlich klingen auch komprimierte Audiodateien längst hervorragend, es kommt ja auch immer darauf an, mit welchen Soundkomponenten (System (Nadel), Computer, Stereo-Anlage, Boxensystem, etc.) man egal welchen Datenträger abspielt, auch wenn unabhängig von der Hörqualität die Bandbreite der Frequenzen einer Schallplatte definitiv höher sind als bei den digitalen Formaten. Gegebenenfalls besteht auch ein originäres Dateiformat beim Aufzeichnen der Musik heutzutage, dass kann ich nicht ausschließen, aber ich weiß zumindest das beim Erzeugen der Masters die Dateien bereits bzgl. dem Frequenzbereich beschnitten werden, bevor die Dateien auf unseren CDs landen und das ist bei Schallplatten nicht der Fall.
Es geht mir aber nicht um die Vorzüge der digitalen Audioformate gegen die sich nicht mehr am Puls der Zeit drehenden Schallplatten sondern viel mehr auf eine Inflation eines “Berufsstandes” möchte ich aufmerksam machen: Die Inflation der Handwerkskunst des DJs.
Zugegeben DJ Achim von den Soundproduktion-Partys in unserer Jugend oder andere zweifelhafte DJs haben auch mit CDs aufgelegt, aber wenn man sich mehr für Musik interessiert als nur für den neuen Chartsampler in der 58. Auflage oder man sich nicht im Vorfeld schon ins Koma gesoffen hatte, konnte man das auch immer an den “Übergängen” hören. Eigentlich wurden hier weniger die Stücke miteinander gemischt und kombiniert als man vielmehr nur dafür sorgte, dass zwischen den Liedern keine Pause entstand, wenn man mal ehrlich ist.
Früher war ja auch ein Vorteil bei Platten, dass man diese pitchen und anfassen konnte und somit scratchen, zurück drehen, etc. nur mit Platten möglich war. Hier hat die Technik schon länger aufgeholt und pitchen sowie scratchen ist mittlerweile mit CDs kein Thema, sodass man keine Unterschiede mehr wahrnehmen kann, ob einer nun mit Plattentellern oder CD-Playern die Beschallung übernimmt. Wie anfangs skizziert macht auch die Technik an dieser Stelle keinen Halt, denn in der Zwischenzeit ist das Auflegen mit dem Laptop schon etabliert und sorgt nun meiner Meinung nach endgültig zur Inflation des Begriffs DJ, denn dank dieser technischen Errungenschaft und entsprechenden Tools kann heutzutage jeder Vollhorst sich zum DJ schummeln, weil früher gefragte Fingerfertigkeit für Übergänge heute durch Features der Tools kompensiert werden. Natürlich gibt es immer 2 Seiten einer Medialle und es ermöglicht natürlich auch den DJs gewisse Samples oder anderes leichter im Set zu integrieren und es somit anzureichern, aber wenn ich mitbekomme, selbst schon erlebt, dass einer ein gänzliches im Vorfeld zusammengestelltes Set nur noch abspielt und nebenbei Pornos oder die Depotentwicklung beäugt, lässt das tief blicken für meinen Geschmack.
Letztendlich ist auf Dauer die Track-Auswahl sowie die Reihenfolge für eine gute Party entscheidender als die Kunst die Stücke miteinander zu verbinden, aber wenn mittlerweile in einigen Clubs und Partys nicht mal mehr Plattenspieler dem DJ zur Verfügung gestellt werden und er gezwungen ist, ebenfalls mit der Zeit zu gehen, wird auf Dauer diese Kunst zwar nicht aussterben, aber sich extrem reduzieren. Auch wenn es für DJs selbst bestimmt angenehm ist, die schweren Plattenteller nicht mehr schleppen zu müssen hätte ich einen Eigenanspruch auch ohne Laptop und Tools sondern nur mit Mischpult auflegen zu können, oder ich darf mich nicht DJ schimpfen, wäre eine logische Konsequenz…
Derzeit werden die Großen der Szene bestimmt noch eine ganze Weile weiter mit Platten auflegen und ich schätze es wird auch immer Platten geben, aber der Diskotheken-Plattenspieler schlechthin Technics SL-1200MK2/SL-1210MK2, der durch seinen patentierten quarzgesteuerten Direktantrieb legendär wurde und im Guinness-Buch der Rekorde als am längsten produziertes Konsumenten-Elektronik-Produkt eingetragen ist, wird bereits nicht mehr hergestellt. Einst beworben mit dem Slogan “Zu besichtigen in Ihrer Lieblings-Diskothek” bestätigte Panasonic im Oktober 2010 gegenüber japanischen Medien das Produktionsaus.
The world keeps turning, hopefully vinyl as well!
[Bildquelle: Sound Exchange]

Technics stellt DEN Plattenspieler ein, dafür kann man ggf. beim Radeln bald platten abspielen, wer immer das auch will
http://griin.de/umleitung/gruendonnerstag-feats-per-minute-bike-fuer-djs