Saubere Füße

Da ja bekanntlich alle Guten-Dinge fünf sind, hier nun die fünfte und vorerst letzte Geschichte.

Der preisgekrönte Klassiker “Saubere Füße”!

 

Saubere Füße

 

So eine Scheiße! Ich wusste doch, dass ich etwas vergessen habe …“ diese Worte schossen mir genau in dem Moment durch den Kopf, als ich im Gäste-WC von Bekannten, bei denen meine Frau Anna und ich zum Essen eingeladen waren, stand und verzweifelt die Taschen meines Mantels durchwühlte. Ich durchwühlte die Bauchtaschen, die Innentaschen und tastete sogar das Futter ab, da die rechte Innentasche ein Loch hatte und dadurch für gewöhnlich gerne Sachen in das Futter rutschten. Ohne Erfolg! Ich war so außer mir, dass ich gar nicht mehr genau wusste, ob ich diese Worte tatsächlich nur gedacht oder sie wirklich laut ausgesprochen hatte. Ich hoffte nur, dass ich sie tatsächlich nur gedacht hatte. Denn die Situation, in der ich mich derzeit befand, war ohnehin schon schwierig und unangenehm genug, als das noch irgendjemand, der sich im Wohnzimmer aufhaltenden Partygäste auf mein Treiben aufmerksam werden sollte. Ich konnte sie schon reden hören. Es war mir klar, dass sie über mich redeten. Anna saß bestimmt schon wieder mit einem halb von Scham und halb vom billigen Weißherbst für 1,99 € der Liter bei Lidl oder Aldi gerötetem Gesicht da, ließ die ganze Szene und die damit verbundenen Kommentare über sich ergehen und spielte diese verfangene Situation wie gewöhnlich herunter: „Ach quatsch! Das ist nichts Ernstes … er macht das halt … aber ich finde das nicht schlimm … ich liebe ihn ja trotzdem …“ „Bla, bla, bla …“ Furchtbar! Bei diesen Gedanken kommt mir immer so ein wenig die Kotze hoch. Ich meine, nicht, dass ich mich nicht darüber freuen würde, dass sie mein Verhalten akzeptiert und mich vor diesen ganzen Langweilern sogar in Schutz nimmt, aber da liegt das Problem: das soll sie doch gar nicht! Ich finds ja auch scheiße! Ich würde es ja auch gerne ändern. Nicht, dass ich es nicht schon mehrfach versucht hätte, aber es geht halt nicht anders. Es ist dieser unbändige, innere Zwang, dem ich einfach immer wieder nachgeben muss. So wie in diesem Moment, in dem ich bei Peter und Silke, guten Bekannten von Anna und mir, bei denen regelmäßig Pärchenabende mit Trivial Pursuist, Raclette, Käseplatte, Urlaubsfotos, alkoholfreiem Bier, grünem Tee und billigen Weißherbst für 1,99 € der Liter bei Lidl oder Aldi in einer gepflegten Nichtraucherwohnung mit modischen Ikea-Möbeln im mediterranen Stil und einem so ausgewogenem Feng Shui, dass es einem ins Gesicht spuckte, wenn man die Wohnung betrat, abgehalten wurde, auf dem Gäste-WC stand und in meinem Mantel wühlte. Peter und Silke waren, so wie Anna und ich, seit zwei Jahren verheiratet. Allerdings haben die beiden vor einem halben Jahr einen neuen Anfang gewagt und sind seit dem wieder ein Herz und eine Seele. Der Grund für den Neuanfang? Jessica. Silkes Schwester. Zwei Jahre jünger und ungefähr drei Zentner leichter. Das Problem war, dass der gute Peter sich auf einer Party leider vertan hatte und zu Jessica und nicht zu seiner Frau Silke ins Bett gestiegen war. Na ja?! Sie sind immerhin Schwestern, die kann „Mann“ schon mal verwechseln. Gut, dass er sie drei Monate lang verwechselt hat, war schon irgendwie merkwürdig. Allerdings ist das mittlerweile Schnee von gestern und jetzt ist wieder alles „tuffig und super“! Peter und Silke sind jetzt sogar wieder so weit, dass sie ein gemeinsames Kind wollen. Ja! Das ist nämlich eigentlich der Grund, warum ich diese Tortur zwei Mal im Monat über mich ergehen lassen muss. Früher waren es nämlich noch zwei Pärchen mehr bei diesen Raclette – Trivial Pursuist Abenden. Allerdings haben die sich dummerweise Kinder zugelegt. Übrig blieben Peter und Silke und Anna und ich, die noch immer kinderlos sind. Das wird auch mit Sicherheit noch eine ganze Weile so bleiben. Ich bin Zeugungsunfähig! Da bin ich mir ziemlich sicher. Das waren in meiner Familie alle Männer. Deswegen gibt es bei uns auch in allen Generationen so eine erschreckende Ähnlichkeit mit den lokalen Milchmännern und Postboten. Na ja, und bei Peter und Silke könnte das schwierig werden, solange Peter weiterhin nur mit Jessica und nicht mit Silke schläft, was ich ihm allerdings nicht verübeln kann. Anna hat mich mal gefragt, ob ich eine Idee hätte, was wir Silke zum Geburtstag schenken könnten: ich schlug vor, ihr beim EMP ein modisches T-Shirt mit der Aufschrift „Wer dich fickt, ist zu faul zum Wichsen!“ zu bestellen. Na ja, wir haben ihr dann ein praktisches Raclette geschenkt, dass nicht mal eine Woche später bei Trivial Pursuit, Käseplatte, Urlaubsfotos, Alkoholfreiem Bier, grünem Tee und billigen Weißherbst für 1,99 € der Liter bei Lidl oder Aldi eingeweiht werden musste. Super Schatz! Danke. Tolle Idee.

 

Nichts desto trotz ändert das nichts an dieser verfangenen Situation, in der ich mich immer noch befand. Ich stand immer noch im Gäste-WC von Peter und Silke und durchwühlte meinem Mantel, während ich die anderen im Wohnzimmer reden hörte. Was ich suchte? Ein sauberes, frisch verpacktes Stück Seife mit Aloe Vera und Jasmin Geruch. Das habe ich immer bei mir. Warum? Das ist eine etwas länger und für Außenstehende mit Sicherheit skurril anmutende Geschichte. Haltet mich jetzt bitte nicht für total bescheuert, aber ich habe den innigen Zwang, mir in regelmäßigen Abständen die Füße zu waschen und die Socken zu wechseln. Das klingt vielleicht merkwürdig, aber so ist es halt. Dagegen kann ich einfach nichts machen. Das war auch der Grund, warum ich die Seife suchte. Ich habe schon jede Menge Seife ausprobiert, aber die einzige, mit der ich mich so richtig wohl und sauber fühle, ist frisch ausgepackte Seife mit Aloe Vera und Jasmin Geruch. Selten und nicht gerade billig. Aber ich brauche sie. Jedes Mal ein frisches Stück Seife, frische Socken, ein frisches Handtuch und lauwarmes Wasser. Die Seife, sowie die Socken werden nach einmaligem Gebrauch entsorgt. Wie oft ich mir die Füße wasche? Das hängt ganz von meiner Tagesform ab: Viermal … Zehnmal? Ich zähle das nicht wirklich. Es klingt bestimmt sehr schwierig, sich in einem Waschbecken die Füße zu waschen, aber das ist es nicht. Ich habe meine Technik in den letzten Jahren stark verbessert. Wann das ganze angefangen hat? Ich glaube in der Pubertät. Vermutlich musste ich als Kind zu lange ein und dieselben Socken tragen. Kennt ihr das? Bis sie so richtig verdreckt sind und stinken. Oder ganz schlimm ist es bei weißen Tennissocken: so lange am schweißigen Fuß, bis die Sohle so richtig schön braun gelaufen ist! Widerlich! Ich vermute mal, dass das ausschlaggebend für meine Neurose war. Ich hatte zwischenzeitlich schon überlegt, ob mich irgendetwas Jüdisches in meinem Blut zu diesem religiös anmutenden Ritual trieb. Aber in unserer Familie gibt es keine Juden. „Die gab es nie und wird es auch nie geben“, hat mein Opa zumindest gesagt, der mich sehr sauer als dreckiges Kommunistenschwein beschimpfte, als ich ihm bezüglich der Judenfrage auf den Zahn fühlte. Na ja, vielleicht war ja der Milchmann Jude, was seine Preise erklären würde. Auf jeden Fall habe ich mit der Fuß-Wascherei, wie schon erwähnt, in der Pubertät angefangen. Was ziemlich schnell zu einer unangenehmen Begegnung mit meiner Mutter führte. Ich glaube, ich war sechzehn und wusch mir schon mindestens seit zwei Jahren die Füße. Immer heimlich. Doch mit der Zeit wurde ich nachlässig und vergaß einmal die Badezimmertür abzuschließen. Ich hatte gerade das Wasser im Waschbecken auf die richtige Temperatur gebracht, meinen linken Fuß im Waschbecken liegend, befeuchtet und eingeseift, als meine Mutter hereinkam. Normalerweise ist das Peinlichste, was einer Mutter und ihrem pubertierendem Sohn passieren kann, dass sie ihn beim Wichsen erwischt. Glaubt mir, ich wäre froh gewesen, wenn sie mich dabei erwischt hätte. Als sie mich so sah, konnte ich in ihrem Gesicht sehen, dass sie mich für einen Perversen hielt und sich vorwurfsvoll fragte, was sie nur bei meiner Erziehung falsch gemacht hätte. Ich tat natürlich so, als sei das nichts Schlimmes, sondern ganz normal. Aber das war es nicht. Ich wusste es und Mama wusste es auch. Sie wurde rot, schlug die Hände vors Gesicht und rannte weinend in die Küche. Als ich mich wenige Zeit später, an der Küche vorbei, in mein Zimmer schleichen wollte, sah ich sie im halbdunkel am Küchentisch, mit einer Flasche Cognac, sitzen und regungslos ins Leere starren. Mama hatte bis zu diesem Zeitpunkt eigentlich nie getrunken. Aber seit dieser Begegnung trank sie regelmäßig. Ich fühlte mich so schmutzig, dass ich mir in dieser Nacht noch zweimal die Füße waschen musste. Einige Tage später war ich gerade auf dem Weg ins Badezimmer, um … na ja, ihr wisst schon was zu tun, als ich meine Eltern im Wohnzimmer reden hörte: „Ach Jürgen: Wat ham mer bloß falsch jemacht? Wat is bloß los middm Jung?“ Heute hätte ich die passende Antwort: Du blöde Kuh hättest mir nur öfter die Socken wechseln sollen!

 

Aber nicht, dass dieses eine Erlebnis schon entwürdigend und demütigend genug gewesen wäre, nein, es sollte auch noch so weit kommen, dass Anna mich dabei erwischen sollte. Wir sind jetzt seit sechs Jahren zusammen und davon zwei Jahre verheiratet. Es war mir geglückt, diese Neigung über vier Jahre hinweg vor ihr geheim zu halten. Auch wenn es das ein oder andere Mal äußerst brenzliche Situationen gab, in denen sie mich eigentlich hätte erwischen müssen. Doch eines Tages passierte es dann. Natürlich nicht zuhause, wo ich ihr alles hätte in Ruhe erklären können, sondern bei ihren Eltern. Es war unmittelbar nach unserer Hochzeit. Wir, sowie ihre gesamte Verwandtschaft waren bei ihren Eltern zum Essen eingeladen. Zwischen dem Hauptgang und dem Dessert verspürte ich auf einmal wieder den unbändigen Drang, meine Füße zu waschen. Ich stand vom Tisch auf, entschuldigte mich höflich und ging ins Gäste-WC. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich noch keine eigene Seife bei mir, ich begnügte mich mit der Seife, die mir zur Verfügung stand. Annas Mutter ist Vertreterin für eine Kosmetikfirma und legt daher sehr viel Wert auf gute und qualitativ hochwertige Kosmetika und Hygieneartikel. Ich zog Schuhe und Hose aus, temperierte das Wasser und dann sah ich dort diese Seife liegen. Frisch verpackte Aloe Vera Seife mit Jasmin Geruch. Ich packte sie aus und fing an, meinen linken Fuß einzuseifen. Ich fange immer mit dem linken Fuß an. Plötzlich stieg mir dieser wundervolle Duft in die Nase und ich spürte das erste Mal diesen zarten und cremigen Schaum zwischen meinen Zehen. So etwas hatte ich zuvor noch nie verspürt. Also wusch ich eine ganze Weile meinen linken Fuß. Danach den Rechten. Als ich mit dem rechten fertig war, fing ich plötzlich wieder mit dem Linken an. Ich konnte einfach nicht mehr aufhören. Ich war in einen regelrechten Waschwahn versunken und fühlte mich wie ein sich in Extasse befindender Derwisch. Ich konnte einfach nicht mehr aufhören. Das einzige, was ich nicht beachtet hatte, war, dass die Tür des Gäste-WCs nicht abschließbar war, da der Schlüssel fehlte. Ich habe keine Ahnung, wie lange ich meine Füße wusch. Vielleicht eine halbe Stunde. Auf jeden Fall lang genug, dass Anna und ihre Familie anfingen, sich Sorgen zu machen. Also kam es, wie es kommen musste: In meinem von Aloe Vera und Jasmin Geruch betäubten Rausch hörte ich nicht, wie Anna und ihr Vater an die WC-Tür klopften. Ich glaube, sie hatten mehrmals angeklopft, bis sie rein kamen. Ich hatte sie erst gar nicht bemerkt, bis auch noch ihre Mutter herein kam und laut „Oh mein Gott!“ rief. Da stand ich nun. Ohne Hose, nur in Boxershorts, die Ärmel meines Hemdes hochgekrempelt, die Hände voll Seife, den linken Fuß im Waschbecken und das ganze Schauspiel eingehüllt in den Duft von Aloe Vera und Jasmin. Versucht mal, euch aus so einer Situation heraus zu reden, unmöglich. Ich habe es auch gar nicht erst versucht. Mir wurde auch gar nicht die Chance gegeben, mich auch nur ansatzweise für mein Verhalten zu rechtfertigen, geschweige denn zu entschuldigen: Annas Mutter wandte sich angewidert ab und warf ihr Gesicht schluchzend und bestürzt an die Brust ihres Mannes. Dieser versuchte, sie so gut er konnte zu beruhigen, blickte mich dann barsch an und sagte ungefähr so etwas wie: „Und so etwas in meinem Haus! Du solltest dich wirklich schämen, Junge!“ Danach verschwand er, seine schluchzende Frau stützend. Anna stand nur fassungslos in der Tür und blickte mich enttäuscht an. Ich glaube nicht, dass sie hätte enttäuschter gucken können, wenn ich mich mit einer der Brautjungfern vergnügt hätte. Sie riss sich von diesem Anblick mit den Worten „Wir sollten gehen!“ los.

Das war das letzte Mal, dass wir ihre Eltern besucht haben. Anna und ich haben bis heute nicht über diesen Vorfall gesprochen. Natürlich weiß sie jetzt von meiner geheimen Neigung, aber ich versuche es immer in den Momenten zu machen, in denen sie es nicht mitbekommt.

 

Auf jeden Fall wollte ich mir bei Peter und Silke irgendwie den Abend verschönern, indem ich mir zur Abwechslung mal wieder die Füße wusch. Doch leider hatte ich meine Seife vergessen. Mittlerweile bin ich so weit, dass ich mir meine Füße nur mit meiner Aloe Vera Seife mit Jasmin Geruch wasche und mit keiner anderen. Also fiel das Füßewaschen für heute aus. Ich bereitete mich mürrisch darauf vor, wieder ins Wohnzimmer zurück zu gehen, um einen geselligen Abend bei Peter und Silke in der gepflegten Nichtraucherwohnung mit den modischen Ikea-Möbeln im mediterranen Stil bei Trivial Pursuit, Raclette, Käseplatte, Urlaubsfotos, alkoholfreiem Bier, grünem Tee und billigem Weißherbst für 1,99 € der Liter bei Lidl oder Aldi und einem so ausgewogenem Feng Shui, dass es einem ins Gesicht spuckte, wenn man die Wohnung betrat, zu verbringen. Ich verließ das Bad und hörte sie auf dem Weg ins Wohnzimmer schon laut reden. Es war mir klar, dass sie über mich redeten, aber ich hatte beschlossen, mir nichts anmerken zu lassen. Als ich das Wohnzimmer betrat verstummten alle drei und blickten mich wartend an. Ich fragte: „Worüber habt ihr denn geredet?“ Silke antwortete mir mit einem breiten Grinsen: „Ach weißt du, ich habe nur eben zu Anna gesagt: wie gut, dass ihr uns das Raclette geschenkt habt!“

 


 

[Bildquelle imageloop.com]

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