Nachdem ich euch schon Satire, Fabel und Fuppes kredenzt habe nun mal zu einer “klassischen” Kurzgeschichte. “Wie heißen Sie?” ist eine Geschichte aus der Sammlung “Herbstgedanken”, an der ich seit (tatsächlich schon erschreckend langen) 10 Jahre arbeite und die sich nun gerade im Prozess der Fertigstellung befindet. “Wie heißen Sie?” stammt aus einer Zeit, als ich noch nicht das humoristische Schreiben für mich entdeckt hatte und noch pfleglicher mit der Deutschen Sprache umgegangen bin. Außerdem liegt sie mir besonders am Herzen, denn sie war die erste (richtige) Kurzgeschichte, die ich je geschrieben habe. Hier nun endlich in ihrer finalen Fassung, wie sie auch den Weg in die (hoffentlich endlich) 2013 erscheinenden “Herbstgedanken” finden wird.
Wie heißen Sie?
Er schlug den Kragen hoch, zog ein letztes Mal mit aller Kraft an seiner erst halb angerauchten Zigarette und warf diese mit einem qualvoll, stöhnenden Unterton beim Ausatmen weg, da er wusste, dass nun eine gute halbe Stunde der Abstinenz, was das Rauchen betraf, vor ihm stand. Ebenso trug die Regelmäßigkeit und seine damit verbundene Ablehnung und Verachtung diesem Ritual, das er jeden Morgen durchleben musste, zu seiner missmutig, leidenden Verfassung bei, die ihm genau in diesem Moment klar wurde. Denn jeden Morgen aufs Neue merkte er an dieser Stelle, wie sehr ihm das alles doch zuwider war. Der Punkt der Bewusstwerdung war kein geringerer als der Moment, in dem er an der Bushaltestelle stand und sich zwischen die Leute einreihte, die ebenso wie er, wie Sklaven eine Galeere betraten und sich wie Vieh ihrem Schicksal fügten und fröhlich blökend auf das Schafott warteten. Dies mag außenstehenden Betrachtern vielleicht etwas zu dramatisch und überspitzt erscheinen, doch war dies genau sein pessimistischer Blickwinkel, aus dem er seine Umwelt und seine Mitmenschen zu betrachten pflegte. Vielleicht lag es an der unzufriedenen Gesamtsituation seines Lebens. Vielleicht auch nur an der Uhrzeit. Er war sich nicht sicher. Das Einzige, was er ganz sicher wusste war, dass er Busfahrer hasste. Aber ebenso, wie er es hasste, sich mit diesem plumpen, auf ihn abstoßend wirkendem Vehikel fortzubewegen, hasste er die Menschen, die mit ihm diese Qualen teilen mussten.
Es waren die Unterschiedlichsten Charakteren. Die Meisten waren Schulkinder im Alter von zehn bis siebzehn Jahren. Hauptschüler, Realschüler und Gymnasiasten. Von diesen sozialen Unterschieden, in Sachen Bildung und damit verbundenem Verhalten, merkte man jedoch nichts. Sie konnten sich alle nicht benehmen, waren laut und besetzten, ohne Rücksicht auf ältere Fahrgäste, alle Plätze. Diese Gruppe der Fahrgäste war die von ihm Verhassteste. Doch der Rest sagte ihm auch nicht mehr zu.
Es waren irgendwelche Arbeiter, die zu einer großen Firma in der Stadt wollten, um dort am Fließband zu stehen und Verpackungen zu kontrollieren. Der Name der Firma fiel ihm nie ein, er wusste nur, dass sie irgendwelche Feinkostprodukte herstellten. Dies konnte er sich nur so gut merken, da ihn die darin verborgene Ironie immer wieder amüsierte. Diese Leute waren überwiegend mit Mindestlöhnen abgespeiste Zeitarbeiter, die Waren kontrollierten und verpackten, die sie sich selbst höchst wahrscheinlich nie leisten konnten. Er empfand annähernd so etwas wie Mitleid, doch konnte er sich meist ein sarkastisches Lächeln, in Anbetracht dieser Situation, nicht verkneifen.
Dann waren da noch die „Neuen“. So hatte er sie zumindest getauft. Es waren die Fahrgäste, die nicht regelmäßig mit dem Bus fuhren, sondern nur durch irgendwelche Misslagen ihres Lebens dazu gezwungen waren. So wie sein Nachbar, dessen nette und hübsche, doch geistig von ihrem Schöpfer etwas benachteiligte Freundin, seinen neuen Sportwagen um einen Baum gewickelt hatte. Infolge dessen saß er auch, wie all diese anderen Menschen, mit einem müden und mürrischen Gesicht in diesem Bus. Doch war er, als einer der „Neuen“, einer der wenigen Aspekte, der noch etwas Farbe in diesen grauen und stark routinierten Alltagstrott brachte.
Die Schüler hatten sich alle in den Bus gedrägelt, nachdem sie ein hieratisches Einstiegs-Prinzip erkämpft und dabei die übrigen Fahrgäste bei Seite gedrängt hatten. Er atmete noch ein letztes Mal stark aus, fuhr sich mit der Hand durch das Haar um die Regentropfen abzuschütteln und betrat den Bus als Letzter. Er betrat den Bus immer als Letzter. Dies lag zum einen daran, dass er einen leichten Hang zur Misanthropie hatte aber andererseits auch daran, dass er immer versuchte, seine Zigarette fertig zu rauchen, was ihm nie gelang und ihn maßlos ärgerte. Zornig betrat er den Bus, hielt dem Busfahrer seine Monatskarte hin, obwohl er genau wusste, dass dieser weder ihn noch seine Karte eines Blickes würdigen würde. Vielleicht war dies ein stilles Flehen nach Beachtung, ja sogar vielleicht nach Zuneigung, verbunden mit der innigen Hoffnung auf Bekanntschaft in dieser silhouettenhaften Schattenwelt der Anonymität, in der jeder sich selbst der Nächste war, nur seine Ellbogen als Freund kannte und das Zwischenmenschliche auf der Strecke zu bleiben drohte.
„Wo hast du den Schwachsinn gelesen?“ dachte er und verwarf den Gedanken wieder, da dies nicht seine gewohnte Art zu denken war.
Er suchte nach einem soliden Platz und fand diesen, wie jeden Morgen, im Gelenk des Busses. Der Bus war an seiner Haltestelle schon so voll, dass er, nachdem die Schüler im Bus waren, keine Aussicht auf einen Sitzplatz mehr hatte. Dazu müsste er sich in der Schlange vordrägeln. Das war ihm jedoch viel zu anstrengend und außerdem hätte er dann nicht versuchen können, seine Zigarette fertig zu rauchen. Und auch wenn er es nie schaffte: es gehörte schließlich zum Ritual. Festen Stand suchend, vertrieb er sich meist die Zeit mit lesen. Meist las er ein Buch oder notfalls auch die Zeitung. Im Augenblick las er an Christoph Ransmeyers Die letzte Welt. Auch am Abend zuvor hatte er zum Einschlafen und Entspannen ein wenig darin gelesen. Er war schon gespannt, wie sich die Geschichte weiter entwickeln werde. Er öffnete seine Tasche, um nach dem Buch zu suchen und musste zu seinem Ärgernis feststellen, dass er das Buch zu Hause hatte liegen lassen und somit weder die weiteren Geschehnisse erfahren werde, noch die Zeit der Busfahrt durch lesen überbrücken konnte.
“Na klasse! sagte er so laut, dass ihn die junge Frau, die ihm gegenüber stand, skeptisch anblickte.
Er merkte dies jedoch gar nicht und knallte seine Tasche mit so einer Wucht auf den Boden, so dass die junge Frau, die ihn fast angesprochen hätte ob sie ihm helfen könne, erschrak und ihren Blick von ihm abwandte. Er war eigentlich ein äußerst ruhiger Mensch, doch wenn er Fehler machte oder etwas nicht so funktionierte, wie er es sich vorstellte konnte er schnell sehr unbeherrscht werden.
Aber es half nichts. Er musste das Beste aus dieser Situation machen. Er kreuzte die Arme, schnaufte und begann seit langem das erste mal wieder den Bus und die Leute, die um ihn herum standen genauer zu betrachten.
So wie er es erwartet hatte, hatte sich nicht viel verändert. Da waren ein paar „Neue“, doch die wirkten irgendwie langweilig und wenig interessant. Bis auf einem jungen Mann mit bunten Rastzöpfen und einem Che Guevara T-Shirt der Walkman hörte. Er beobachtete den jungen Mann sehr intensiv und begann sich in seinen Gedanken über dessen Äußeres aufzuregen. Er fühlte sich dabei wie seine eigene Großmutter, was ihm nicht wirklich behagte, jedoch hatte er schließlich nichts Besseres zu tun.
Plötzlich stand der junge Mann auf und betätigte das Wagen hält Signal. Dies war für die stehenden Fahrgäste zum einen das Signal, dass der Busfahrer gleich bremsen werde und sie sich somit festen Halt verschaffen mussten, aber andererseits auch die Chance in den glorreichen Genuss eines Sitzplatzes zu kommen. Normalerweise war es überhaupt nicht seine Art, sich an den anderen Fahrgästen vorbei zu drängeln um sich den einzigen freien Sitzplatz zu erkämpfen, aber dieses Mal wollte er es wissen. Wie von einer mystischen, übernatürlichen Macht übermannt und beflügelt drängte er sich an einigen Leuten, die er überhaupt nicht registrierte, vorbei und stürzte sich wie ein Geier, der seit Stunden um das Aas kreist, bei Abzug der Löwen auf die verwesenden Überreste niederstürzt, auf eben diesen einen, diesen einzigen Sitzplatz. Er spürte die giftigen und neidischen Blicke der Stehenden, ignorierte sie aber und lehnte sich entspannt zurück. Denn dies war kein normaler Sitzplatz, sondern einer der zwei Einzelplätze in einem Bus dieser Baureihe und somit exakt der richtige Platz für Separatisten, Egoisten oder Misanthropen. Da er von allen drei Eigenschaften etwas in sich vereinigte, fühlte er sich auf diesem Platz auch besonders wohl. Seit langem verspürte er in einem Bus eine Art von Freude, nein, es war eher Zufriedenheit. Es erschien ihm faszinierend, was so ein Sitzplatz doch für eine Auswirkung auf einen Menschen haben kann.
Es waren nur noch zwei Haltestellen, bis der Bus die längste Strecke des Weges, entlang des Waldes über den Berg in die nähst größere Stadt antrat, die sowohl für die Schüler, als auch für die Arbeiter das finale Ziel dieser Bus-Odyssee darstellte und er musste über diesen ganzen Weg hinweg nicht mehr schwankend und jedes Mal, wenn der Busfahrer den Bus in die Kurve warf, befürchtend, dass er jetzt auf einen der anderen Fahrgäste stürze oder, was für ihn noch schlimmer war, dass einer der anderen Fahrgäste auf ihn stürzen könnte und somit einen Kontakt hergestellt würde, innerlich fluchend und hoffend, dass die Fahrt bald zu Ende gehe, seine Zeit wie ein in Ketten geschlagener Sträfling im Gelenk abstehen, sondern konnte sich mit innerlicher Zufriedenheit zurück lehnen, seinen Einzelplatz und den Neid der um ihn Herumstehenden genießen.
Noch eine Haltestelle und der Bus hatte das Personen- aber auch das Belastungsmaximum erreicht. So wie jeden Morgen. Plötzlich entdeckte er einen alteren Mann, der von den in den Bus strömenden Massen in Richtung Gelenk gedrängt wurde. Er hatte ihn vorher nie gesehen oder bemerkt, was ihm eigentlich auch egal war, doch irgendwie faszinierte der alte Mann ihn. Er beobachtete ihn eine Weile, wie er verzweifelt versuchte, irgendwie Halt zu finden und immer auf den Boden zu stürzen drohte. Normalerweise belustigte ihn so was, doch dieses Mal spürte er scheinbar so etwas wie Mitleid.
Keiner der Fahrgäste war bereit, seinen Sitzplatz, dem alten Mann zugunsten, aufzugeben. Er überlegte lange und mit einem Gedanken, der ungefähr soviel wie: Du Idiot! besagte, stand er auf und sagte etwas mürrisch: „Da. Bitte! Setzen Sie sich!
Er drängte einen Mann zur Seite, um einen Platz am Gelenk zu bekommen und widmete weder seinem Sitzplatz noch dem alten Mann nur einen Blick. Er war noch in einem, fast schizophren wirkendem, geistigem Zwiespalt, was ihn denn dazu bewegt hatte, als der alte Mann, der sehr überrascht war, dass er ein so kostbares Geschenk von einem Fremden erhalten hatte, zu ihm sagte: „Ich danke Ihnen, junger Mann. Sie sind ein guter Mensch, der tatsächlich noch Respekt vor dem Alter hat! Wie heißen Sie?“
Erschreckt und überrascht von der Stimme des alten Mannes, zuckte er zusammen und antwortete zögernd, ohne ihn anzublicken.
“Ich … ähm, ich … ich heiße Frank. Frank Hauptmann.“
In diesem Moment fühlte er sich wie ein Schulbub, der am Kiosk beim Klauen von Süßigkeiten erwischt wurde und nun dem Schuldirektor vorgeführt wurde. Die Stimme des alten Mannes war sehr sanft und voll, doch hatte sie auch eine gewisse Strenge und Dominanz.
„Sehr erfreut Herr Hauptmann. Ich heiße Schuster. Karl-Heinz Schuster. Das ist ein wirklich bedeutender und ehrenvoller Name, den Sie da tragen, Herr Hauptmann! Sind sie sich dessen bewusst?“
Wieder zuckte Frank Hauptmann zusammen. Er war es nicht gewohnt, dass sich die Fahrgäste mit ihm unterhielten, außerdem wusste er nicht so recht, was Herr Schuster damit meinte. Seinen Blick langsam auf den alten Schuster wendend, brachte er wieder nur ein leises: „Ähm, Entschuldigung, was meinen Sie?“ hervor.
„Na, Hauptmann“, sagte Karl-Heinz Schuster. „Wie Gerhard Hauptmann. Sie wissen? Die Weber? Oh. Tut mir leid. Ich bin ein alter Fachidiot. Nicht jeder hat an Literatur so viel Interesse, wie ein pensionierter Deutschlehrer.“
Mit diesen Worten blickte Karl-Heinz Schuster Frank Hauptmann mit einem abwartenden und fordernden Blick an. Frank Hauptmann war nun vollends überrannt, doch gelang es ihm, sich langsam zu sammeln und zu antworten.
„Nein, nein! Ähm, ich meine ja! Ähm, ich meine, ich kenne den Hauptmann. Von Weber.“
In diesem Moment wurde ihm klar, was er für einen Unsinn redete. Karl-Heinz Schuster begann zu lachen. Dieses Lachen war jedoch so herzlich, dass Hauptmann sich nicht ausgelacht fühlte, sondern mit Schuster mitlachte musste.
Die übrigen Fahrgäste blickten verwirrt auf die beiden heiter lachenden Männer, ohne zu verstehen, was die beiden so amüsierte.
Als Hauptmann sich ein wenig beruhigt hatte, blickte er den alten Schuster an und sagte mit einem Pathos in der Stimme, als wäre er ein Intellektueller, der die vollkommene Welterkenntnis in sich tragen würde: „Entschuldigen Sie. Ich meine natürlich die Weber von Gerhard Hauptmann. Ein hervorragendes Stück deutsche, nein, wohl doch eher sogar Weltliteratur.“
Er ertappte sich selbst bei einer Lüge, da ihm das Buch eigentlich gar nicht gefallen hatte.
„Ich weiß nicht. Ich finde, es wird sehr stark überschätzt“, antwortete Schuster.
Aus diesem sprachlichen Missgeschick entwickelte sich ein Gespräch zwischen dem eigentlichen Eigenbrötler Frank Hauptmann und dem pensionierte Oberstudienrad Karl-Heinz Schuster.
Sie bemerkten, dass sie beide eine Leidenschaft für Literatur hatten. Der alte Schuster erzählte ihm so einiges aus seinem Leben, wie zum Beispiel, dass seine Frau einige Jahre zuvor gestorben sei und er nun die meiste Zeit mit seiner Tochter und deren beiden Kindern verbringen würde, da ihm dies nach dem Tod seiner Frau wieder einen richtigen Sinn im Leben gegeben hatte. So war er auch diesen Morgen auf dem Weg zu seiner Tochter, weil diese arbeiten müsse und sich so nicht um die Kinder kümmern könne. Sie war Anwaltsgehilfin und teilzeitbeschäftigt, deshalb fuhr Schuster drei Mal die Woche morgens in die Stadt zu seiner Tochter um seine Enkeltochter, die zu dem Zeitpunkt drei Jahre alt war, in den Kindergarten zu bringen und den Vormittag mit seinem eineinhalbjährigen Enkelsohn zu verbringen. Er bereitete auch immer das Essen für seine Tochter vor und machte ein wenig in der Wohnung sauber, auch wenn seine Tochter das nie wollte. Sie lebte alleine mit den Kindern. Ihr Mann hatte sie vor einiger Zeit verlassen. Er sagt, er müsse sich selbstverwirklichen und vergaß dadurch vollkommen, dass er zwei kleine Kinder in die Welt gesetzt hatte.
Schuster erzählte dies mit einer starken Trübung seiner sonst so klarer, sanften Stimme und einer Träne im linken Auge, die es ihm nicht gelang zu unterdrücken.
So unterhielten sich die beiden eine Weile, bis der Bus die Stadt erreichte und Hauptmann aussteigen musste. Er verabschiedete sich von Schuster und bewegte sich in Richtung Tür. Herr Schuster rief ihm nach: „Es hat mich sehr erfreut sie kennen zu lernen Herr Hauptmann. Ich hoffe, wir sehen uns wieder?“
“Natürlich!“ rief Frank, als er sich noch ein letztes Mal zu Schuster umdrehte.
Er erwischte sich dabei, wie eine äußerst seltene Emotionsregung ihre Spuren auf seinem, sonst von Pessimismus und Unmut gezeichnetem Gesicht hinterließ: Frank Hauptmann lächelte. Nein, er lächelte nicht, er strahlte regelrecht, als er die Stufen aus dem Bus heraus sprang. Er blieb stehen und blickte dem Bus hinterher. Er sah Karl-Heinz Schuster, der ihm zublinzelte und ihm aus dem fahrenden Bus hinaus winkte. Hauptmann stand da, mit einem Lächeln auf dem Gesicht, und winkte auch. Er konnte es nicht glauben, wie wohl er sich fühlte.
Er ging zur Arbeit. Dort und den ganzen Rest des Tages über musste er an die wundersame Begegnung mit Herrn Schuster denken. Doch es war nicht das übliche Grübeln, das ihn mürrisch oder sogar zornig stimmte, sondern ein fröhliches Gedankenspiel und er lief sogar ein Lied pfeifend durch seinen Betrieb. Auch die Arbeit fiel ihm um einiges leichter als gewöhnlich. Ja, es schien sogar so, als sei der Pessimismus von seiner Seite gewichen und die Misanthropie habe sich von ihm abgewandt, denn er sprach tatsächlich mit seinen Kollegen, seit den drei Jahren, die er in dem Betrieb war, das erste Mal über persönliche Dinge. Auch seine Kollegen waren über seinen Stimmungswechsel verwundert.
Am nächsten Morgen wachte Hauptmann auf. Es war ein grauer, langweiliger Tag, wie jeder andere. Er kochte Kaffee, ging aufs Klo, hörte bei einer Tasse Kaffee und zwei bis drei Zigaretten die Nachrichten im Radio und echauffierte sich über all das Schlechte in der Welt und Inkompetenz der Politiker. Der Alltag hatte ihn eingeholt und die ganze gute Stimmung des Vortages war verschwunden. Er zog sich an, nahm seine Tasche und trat seinen Fußmarsch zur Bushaltestelle an.
Dort angekommen begann das gleiche Ritual, wie jeden Morgen: über den Regen fluchen, sich über die Schulkinder aufregen, entnervt im zwanzig Sekunden Takt auf die Uhr starren und dann eine Minute vor Ankunft des Busses eine letzte Zigarette anzünden. Doch an diesem Punkt veränderte sich heute das Ritual. Hauptmann hatte die Zigarette schon zwischen den Lippen und war kurz davor, sie anzuzünden, als er plötzlich an Herr Schuster denken musste. Ihm fiel ein, dass dieser an diesem Morgen auch den Bus benutzen musste, um zu seiner Tochter zu fahren. Er sah den Bus an der Ampel stehen, steckte die Zigarette wieder ein und drängelte sich, zum überraschen der restlichen Fahrgäste, in der Schlange ganz nach vorne. Als der Bus anhielt und die Türen sich öffneten, stürzte er hinein, wünschte dem Busfahrer, der ihn wie jeden Morgen nicht beachtete, zu dessen Überraschung, einen schönen guten Morgen und begab sich auf die Suche nach einem Sitzplatz. Es waren noch einige frei, doch Frank Hauptmann bewegte sich zielstrebig auf die Einzelsitzplätze hinter dem Gelenk zu. Er hatte Glück, auch dort war einer der beiden Einzelplätze frei. Er stürzte darauf zu und setzte sich auf diesem nieder, als wäre er seit Wochen auf einem Fußmarsch gewesen und hätte jetzt die Chance auf den letzten Sitzplatz der Welt.
Der Bus füllte sich und Hauptmann hielt Ausschau nach Karl-Heinz Schuster, der jeden Augenblick einsteigen müsste. Als er ihn am Gelenk erblicken konnte, rief er ihn quer durch den Bus zu sich herüber. Schuster, der nicht mehr so gut zu Fuß war, kämpfte sich, auf seinen Stock gestützt, durch die sich im Gelenk befindliche Menschenmenge, auf Frank zu.
„Guten Morgen Herr Schuster. Wollen Sie sich setzen? Ich habe ihn extra für Sie angewärmt.“
Sagt Hauptmann lachend, jedoch mit einem solchen Strahlen in den Augen, wie Karl-Heinz Schuster es schon lange nicht mehr gesehen hatte. Das letzte mal in seiner Zeit als Lehrer: immer wenn er in der Mittelstufe das Lied von der Loreley zum Auswendiglernen aufgab, stöhnten seine Schüler und fragten, warum sie diesen alten Kram überhaupt noch lernen mussten. Doch einmal fragte er in der nächsten Stunde, ob nicht einer der Damen und Herren Interesse habe, es vorzutragen. Niemand meldete sich, bis auf den erst kürzlich in die Klasse gekommenen Griechen Janiz, der ein sehr fehlerhaftes Deutsch sprach. Janiz begann, das Gedicht vorzutragen. Seine Artikulation war grausig, seine Betonung falsch und er vertauschte die Wörter und Strophen. Doch er hatte einen Glanz in seinen Augen, den Schuster vorher noch nie bei einem Schüler gesehen hatte. Der junge Mann hatte alles daran gesetzt, das Gedicht zu erlernen und war so stolz auf sich, dass er allein dafür eine positive Bemerkung bekommen musste.
Genau diesen Glanz sah Schuster nun ungefähr fünfundzwanzig Jahre später wieder in den Augen dieses ihm eigentlich unbekannten Mannes, der da vor ihm stand.
„Ich danke Ihnen, Herr Hauptmann. Das ist sehr anständig und aufmerksam von Ihnen . . .Ich werde mir einen Vermerk in mein Notenbuch machen“, wollte er fast noch hinzufügen, als ihm bewusst wurde, dass er nicht vor Janiz stand, sondern vor Frank Hauptmann.
„Bitte Herr Schuster. Nennen Sie mich Frank.“
„Nur wenn Sie mich auch Karl nenne.“
Dies lehnte Frank aber aus Respekt vor dem Alter von Herrn Schuster ab. Schuster willigte ein und die zwei begannen ihre Diskussion des Vortages auszuweiten.
So teilten sich Karl-Heinz Schuster und Frank Hauptmann über einige Jahre hinweg, dreimal die Woche die Busfahrt in die Stadt. Manchmal hatte Herr Schuster ein kleines Schachspiel dabei. Oft lud er Frank ein, doch nachmittags auf eine Partie Schach bei ihm zuhause vorbei zu kommen und gab ihm seine Nummer und Adresse, doch irgendwie rief er nie an oder kam vorbei. Er sagte, er müsse meist lang arbeiten, aber in Wirklichkeit traute sich Frank nur nicht.
Einige Jahre zogen ins Land. Frank Hauptmann war immer noch im gleichen Betrieb, fühlte sich aber um einiges wohler, als vorher und hatte für seine gute Arbeit auch eine Lohnerhöhung bekommen.
Karl-Heinz Schusters Enkel waren auch älter geworden. Er fuhr trotzdem jede Woche dreimal in die Stadt und brachte nun beide zur Schule und räumte dann, nach wie vor entgegen dem Willen seiner Tochter, die Wohnung auf, da diese immer noch Teilzeit in der Anwaltskanzlei arbeitete.
Eines Morgens jedoch wartete Frank vergebens auf Herrn Schuster. Es war kurz vor Weihnachten und er wollte ihm ein kleines Geschenk überreichen, da sie sich über die Feiertage nicht sehen würden. Er hatte ihren Stammplatz besetzt und wartete nun, dass sein Freund den Bus betreten würde. Doch er war nicht an der Bushaltestelle. Frank Hauptmann wunderte sich, da er an diesem Tag, einem Mittwoch, eigentlich in die Stadt fahren musste. Aber er war nicht im Bus.
Als Frank nach den Feiertagen wieder mit dem Bus zur Arbeit fuhr, wartete er eine Woche lang auf Herr Schuster, doch diese fuhr scheinbar nicht mehr mit dem Bus.
Als er wieder zuhause war, suchte er umgehend die Telefonnummer von Herrn Schuster. Sie lag seit dreieinhalb Jahren neben dem Telefon in seiner Wohnung, doch dieses Mal entschloss er sich, sie zu wählen. Er war aufgeregt. Zum einen, da er sich überlegt, wie überrascht Herr Schuster sein würde, dass Frank ihn endlich anrufen würde und erst recht gespannt zu erfahren, warum er nicht mehr mit dem Bus fuhr. Es klingelte eine Weile, bis am anderen Ende abgenommen wurde.
Eine müde Frauenstimme meldete sich mit Мeyer. „Entschuldigung, Hauptmann ist mein Name. Ich würde gerne mit Herrn Schuster sprechen. Das ist doch sein Anschluss, oder?“ fragte Frank verwirrt.
„Der wohnt hier nicht mehr.“ Sagte die Frau stöhnend.
“Ich kann Ihnen nur die Nummer der Tochter geben.“
„Das wäre sehr nett“, antwortete Frank nur irritiert.
Frank rief Herrn Schusters Tochter an. Sie meldete sich mit einer ähnlich sanften Stimme, wie ihr Vater.
„Irene Schuster.“
„Guten Tag, mein Name ist Frank Hauptmann. Ich bin ein Freund Ihres Vaters. Könnte ich vielleicht mit ihm sprechen?“
Diesen Satz sprach Hauptmann mit einer Freundlichkeit und Sanftheit, wie er sie sonst nie zeigte.
„Sind sie der Mann aus dem Bus?“ fragte Irene.
„Ja, der bin ich. Was ist mit ihrem Vater?
„Herr Hauptmann“, Irenes Stimme klang nun nicht mehr so sanft wie zuvor, sondern ernster und mit einem Unterdrücken ihrer Tränen, was eine Vibration in ihrer Stimme bewirkte, fuhr sie fort.
„Ich muss Ihnen leider mitteilen, dass mein Vater nicht mehr unter uns weilt. Kurz vor dem Fest wurde er von seinen langen Leiden erlöst, die ihn doch stärker mitnahmen, als er uns allen gegenüber gezeigt hat.“
Frank schluckte.
„Es tut mir leid. Nun dann… wünsche ich Ihnen ein frohes neues Jahr nachträglich. Auf wieder hören.“
„Danke Herr Hauptmann. Das wünsche…“
Doch da hatte er schon aufgelegt.
Frank wusste nicht, welches Gefühl in ihm überwog. Die Trauer über Herrn Schusters Tod oder der Zorn über sich selbst, dass er ihn nicht angerufen hatte. Frank Hauptmann tat etwas, was er schon seit langer Zeit nicht mehr getan hatte: er sank neben der Kommode, auf der das Telefon stand, nieder, legte sein Gesicht in seine Hände und lies seinen Tränen und Gefühlen freien Lauf.
Nun fuhr Frank wieder alleine im Bus. Der Alltag eines verbitterten Pessimisten hatte ihn wieder eingeholt. Er stand nun auch wieder wie früher im Gelenk des Busses und drängelte sich nicht mehr vor um den Einzelplatz zu erkämpfen, da dies für ihn ohne seinen Freund Karl-Heinz Schuster keinen Sinn mehr machte.
Eines Tages stand Frank Hauptmann wieder im Gelenk und las ein Buch, seine Hüfte machte ihm seit einiger Zeit ein wenig zu schaffen und er hatte sichtlich Probleme, festen Stand zu fassen. Doch urplötzlich sprach ihn ein junger Mann an.
„Entschuldigung, möchten Sie sich vielleicht setzen?“
Frank Hauptmann war sichtbar überrascht, setzte sich jedoch hin, ohne etwas zu sagen.
Sein Gesicht spiegelte sich in der beschlagenen Scheibe und ihm wurde bewusst, wie alt er geworden war.
Er blickte den jungen Mann an und fragte ihn: „Wie heißen Sie?”

Shoot, so that’s that one suppsoes.